Welche Bedingungen begünstigen Lernprozesse?

Dies ist ein Artikel über den Intensivkurs, erschienen 2007 in der Rubrik „Ausbildungsstätten stellen sich vor“ im G.L.A.T. Infoblatt von Heinrich Kuhn:

F.M. Alexander-Technik, Heinrich Kuhn – Konstanz

Meine Ausbildung machte ich bei Yehuda Kuperman in Basel. Nach dem Diplom blieb ich noch weitere neun Jahre als Assistent in seiner Klasse.
Meine vorherigen Berufsausbildungen sind Krankenpfleger und Physiotherapeut.

Durch die F.M. Alexander-Technik kam ich wieder neu mit dem Thema Lernen, Lernkultur und Erziehung in Kontakt. Unter anderem war F. Vester (Denken-Lernen-Vergessen) neben A. Miller eine der inspirativen Quellen. So ging ich der Frage nach:

„Wie werden so viele Menschen dazu gemacht, dass sie von der Alexander-Technik profitieren können?“

Von klein an, schon vorgeburtlich, geht das Kind in Resonanz mit seinem Umfeld. Je selbständiger es wird, desto mehr orientiert es sich nach außen, richtet es sich aus an dem, was um es herum ist. Meine Überzeugung ist, dass Kinder nicht einfach nur die Haltung (Körperstellung) ihrer Vorbilder übernehmen, sondern vielmehr deren Ausrichtung und gelebten Umgang mit der Aufmerksamkeit (wie: Gelassenheit, Selbstannahme, Offenheit, aber auch im Ärger stecken bleiben müssen, zurückziehen, sich zurücknehmen).

Dies geschieht unbewusst/unbemerkt bis die Kinder sich ihrer selbst bewusst werden. Erst im ca. 12.-14. Lebensjahr erlaubt die Hirnreife das dafür notwendige Abstrahieren. Erst dann können sie sich entscheiden, dass sie z.B. ernst gucken, damit der Lehrer „weiß“, dass sie ihm zuhören.
Bis dahin hat schon eine lange Entwicklung des Weggewöhnens stattgefunden, weg vom Sicht-Selbst-Spüren, vom Zugang nach innen und damit wahrer Orientierung. Das Schlimmste ist aber nicht, dass wir diese ursprünglich vorgesehene und genetisch verankerte Qualität, quasi unsere Unschuld, verloren haben, sondern dass diese im Laufe der Zeit schlichtweg in Vergessenheit geraten ist. Gerade deshalb ist es so schwierig herauszufinden wonach wir suchen müssen um uns wiederzufinden. (Für mich entspricht dies der Vertreibung aus dem Paradies) Auch hierin begründet sich die Dringlichkeit der Erfahrung, die wir mit unserer Arbeit ermöglichen sollten.

Dank unserer Kinder wurden Themen wie die der kindlichen Bewegungsentwicklung, Entwicklungsbedürfnisse und Lebensprozesse (E. Pikler und R. Wild) und die Frage nach der Umgebung, der die Kinder ausgesetzt sind, für uns aktuell und damit auch: wo und wie bin ich da? Letztendlich führte das zur Gründung unseres Schulprojekts (www.lebendiges-lernen-ev.de). Die im Projekt angestrebte nicht-direktive Begleitung der Kinder hat für mich auch eine grundsätzliche Wichtigkeit. (Nicht-direktiv heißt: kein „mach mal das“, keine Animationspädagogik, kein irgendwohin-loben oder wegtadeln, – sondern vielmehr im Kontakt sein und begleiten, die Umgebung anreichern mit Inhalten, Materialien und Angeboten, die dem jeweiligen Entwicklungsstand entsprechen um weitergehende Lernschritte ermöglichen).

Die Zeit meiner Ausbildung und anschließenden Assistenz, Besuche anderer Ausbildungsklassen, Kennen lernen verschiedener Konzepte und besonders deren Hintergründe (die vielen Warum´s und Wieso´s) sowie die Reflektionen von vielen Ausgebildeten haben mich mit Fragen reich beschenkt und gleichzeitig auf die Suche nach Antworten geschickt.

Was wünsche ich meinen StudentInnen für ihren Weg durch die Ausbildung und dann für die Zeit als LehrerIn:

Authentizität –  Souveränität – Kompetenz

Mein Angebot soll ihnen eine geeignete Unterstützung dahin sein.

Ich biete ihnen dazu eine entspannte und vorbereitete Umgebung an und will sie in ihren Prozessen, die die Alexander-Arbeit in ihnen auslöst, in der ihnen gemäßen Intensität begleiten. Die vorhandene (gestaltete) Umgebung ist eine Selbstlern-Umgebung die selbstgesteuertes Lernen nicht nur ermöglicht sondern einfordert. Es besteht der Raum, sich vom alt-vertrauten, außenorientierten Lernen zu lösen. Der Weg zum eigenen Sehnen und Streben nach Sinn und damit auch zum Sicht-Selbst-Finden, führt oft genug durch eine Phase der Haltlosigkeit (die dadurch entsteht, dass mir keiner sagt was ich tun muss).

Ergänzend wirkt eine umfangreiche und frei zugängliche Bibliothek mit Literatur und Medien zur F.M. Alexander-Technik, Lebensprozessarbeit, Anatomie, Physiologie, Medizin, Psychologie, Hirnforschung, Ernährung, Erziehung, Pädagogik, Kommunikation und vielen weiteren Themen. Ebenso besuchen wir immer wieder gemeinsam wissenschaftliche Vorträge von z.B. Manfred Spitzer, Joachim Bauer, u.a. Dies alles lädt ein, den Blick zu weiten und zu erahnen, wie weit die Alexander Arbeit mit dem Leben vernetzt sein kann – wenn der Mensch es für sich und sein Leben erlaubt. So können leicht offene Gesprächsrunden entstehen, in denen die Möglichkeit, sich angstfrei mitzuteilen und zuzuhören, gegeben ist und damit Verständnis nicht nur im Stillen, sondern auch in der verbalen Auseinandersetzung (im positiven Sinn) gewonnen, gefestigt und immer wieder neu hinterfragt wird.

Grundlegende Prinzipien sind für mich:

Lernen erfolgt von innen heraus
Die StudentInnen sollen sich, um ihrer selbst willen, den Themen, die für sie gerade von Bedeutung sind, zuwenden. Dazu müssen sie sich und damit auch ihre Bedürfnisse spüren können. I.d.R. sind wir alle in der gängigen Kultur des Fremd-Bestimmt-Werdens groß geworden und haben „gelernt“ (oder eher: verinnerlicht und konditioniert) mit den Wünschen anderer zu kooperieren.

Aus dem Starken heraus
Entwicklung braucht Anforderungen in einer Dosierung, die Lernfähigkeit erhält und durch Sich-Sicher-Fühlen Lust auf Weitergehen weckt.
Bei Druck von außen/von innen (ich sollte…) befindet sich der Organismus quasi im Krieg. Grundlegendes Lernen, gesundes Wachsen und Weiterentwickeln werden so erschwert.

Ich bin mein eigener Maßstab
Erkennen kommt von Wiedererkennen – und was ich nicht kenne, kann ich nicht weitergeben, dem anderen auch nicht zeigen.

Ich muss es leben können
Von außen und mit Abstand betrachtet ist es immer leicht, Tipps fürs Leben zu geben…. Ich kann von keinem Menschen fordern, über seinen Schatten zu springen und wenn es von meiner Warte aus noch so sinnvoll erscheint. Der Schüler/Student muss es letztlich leben, muss damit zu Recht kommen. Wir müssen vielmehr lernen, mit uns, wie auch mit anderen, gnädig zu sein.

Vermeidung der Stimulierung des „Richtigmachzwangs“
Ein Erziehungserbe ist dieses ständige Bemühen, alles richtig gemacht haben zu müssen. Das ist meist so perfekt konditioniert, dass wir heftig darunter leiden können, ohne dass uns das auch bewusst wird. Ein immerwährend sprudelnder Quell ins „doing“ zu kommen. Die mindestens drei Jahre dienen dem Erwerb und der Vertiefung von Kenntnissen und Fertigkeiten zur F.M. Alexander-Technik und tangierender Bereiche und der Entwicklung von Fähigkeiten diese sich wie auch anderen zu erschließen. Die Basis, von der aus der Anforderung in der konkreten Situation begegnet werden kann, verändert sich von Abschnitt zu Abschnitt der Ausbildung. Im ersten Jahr werden einige Themen aktuell, deren Verstehen nach meiner Überzeugung die bestmögliche Voraussetzung für ein Weitergehen darstellt.

Annehmen
Ein mir erlauben (im Sinne von entscheiden), mich genau da zu lassen, da anzunehmen, wo ich bin, bedeutet, den Hals frei zu lassen. Ich höre auf, die „Zuvielspannung“ zu veranlassen und sie lässt nach, verschwindet ganz. Dann gilt es, mit diesem Mehr an Freiheit umzugehen. Annehmen heißt nicht gutheißen müssen. Angenommen-zu-werden ist oft in Abhängigkeit mit Richtig-Sein erlebt worden. Sicherlich ist auch dadurch ein grundsätzliches Sich-Selbst-Annehmen negativ belegt. So bleibt in der Erinnerung – bewusst und unbewusst – dass ich immer irgendwie sein musste um angenommen/geliebt/gesehen zu werden. Das Entkoppeln dieser „selbstgemachten“Verbindung ist für ein Weitergehen-können notwendig.

Das Wichtigste an der Arbeit ist die Pause
Direktiven geben zum einen und Pause(*)machen zum anderen beanspruchen absolute Gleichwertigkeit. (*Pause = mich frei lassen von jeglichem Anspruch daran, besonders wohl koordiniert zu sein) Erst durch das Instrument der Pause wird es mir möglich nur das zu üben was ich üben möchte. Wird Pause als weniger wichtig empfunden oder eine Notwendigkeit gar nicht gesehen, wird sie tendenziell vermieden oder unterlassen (Dies wäre beispielsweise der Fall bei einem Sänger der pausenlos singt im Bestreben, seine Stimme zu verbessern. Trotzdem es ihm nicht gelingt singt er weiter, strengt er sich noch mehr an, usw.).
Pausen können wenige Augenblicke bis viele Minuten dauern.

Kontakt mit sich, in sich präsent sein
Bevor es darum geht die Hände anzulegen, muss ich erst einmal selbst klar da sein (ausgerichtet sein), präsent bis in die Haar- und Zehenspitzen. Das ist die Qualität, die ich nicht aufzugeben bereit sein darf bei jeglicher weiterer Aktion.

Ich mit mir und mit dem um-mich-herum
Ich bin nicht alleine existent, sondern auch Teil meiner Umgebung. Deshalb muss ich mich mit der mir möglichen Klarheit auch in Beziehung setzen zu dem was mich umgibt.

Rolle der Augen
Für mich sind die Augen ein wichtiger Sensor für den Umgang mit meiner Aufmerksamkeit.
Mit dem Moment, in dem ich meine Aufmerksamkeit fokussiere, also beginne zielstrebig zu werden, verändert sich auch die Qualität meines Blicks. Dies geschieht gleichzeitig mit dem Auslösen des störenden Reflexes, mit dem ich ein generalisiertes Anspannen meiner Muskulatur auslöse. Diese Veränderung meines Tonus kann ich ab einem gewissen Ausmaß wahrnehmen und erst dann als Fehlspannung interpretieren und weiter daraus die Notwendigkeit ableiten, meine Koordination neu zu organisieren.

Als Orientierungshilfe, um mein unangemessenes Vorgehen zu bemerken, ist mir dies zu langsam. Für mein Verständnis kann ich schon viel früher die „Wahlbenachrichtigung“ erhalten und zwar dann, wenn mir die qualitative Veränderung des Blicks, und das möglichst zeitgleich, bewusst wird. Der Gebrauch der Augen ist üblicherweise jedoch nicht sonderlich präsent und die Steuerung deshalb eher zufällig (wird z.B. deutlich beim Gedankenwandern). Ein Grund mehr, sich diesen Sensor zu erschließen.

Ich mit mir und mit dem Um-mich-herum und Kontaktaufnahme mit der/dem KlientIn
Es gilt gleichzeitig die Präsenz zu halten und weiter auszudehnen auf denjenigen, mit dem ich Kontakt aufnehmen möchte. Es macht einen immensen Unterschied, ob ich nur die Stelle oder den Körperteil an den ich die Hände anzulegen gedenke, im Bewusstsein habe, oder ob ausdrücklich der ganze Mensch für mich präsent ist.

Diese Schritte suche ich als Voraussetzung für das Anlegen der Hände zu verwirklichen. Erst dann scheint mir eine weitgehende Gestaltungsfreiheit (Kontrolle) möglich zu werden.

Wenn ich die Hände brauche um etwas zu erzählen, habe ich nichts zu sagen
Der Kontakt sollte so klar sein, dass die Hände quasi die Rolle von „Lautsprechern für Schwerhörige“ übernehmen. Sie machen die Information, die ohnehin schon empfangen werden kann, leichter „hörbar“ und verständlich.

Gegen Ende des ersten Jahres/Anfang zweiten Jahres reift zunehmend das „hands-on“, untereinander und auch mit Besuchern.
Wichtig ist mir eine Gesprächskultur, in der es möglich ist sich mitzuteilen, es eine Selbstverständlichkeit werden darf, über das, wie ich meine Tätigkeit verstehe, zu sprechen.

Auch soll es kein „Unthema“ geben. Nicht nur alles was mit der F.M. Alexander-Technik zusammenhängt, sondern auch die eigenen Erfahrungen und alles andere was wert und wichtig empfunden wird soll ebenso ernstgenommen werden.

Eine erste Stunde geben

Wenn ich erfahren habe, angenommen zu werden, wenn ich mich selbst annehmen kann (nicht nur pauschal, sondern immer wieder neu), kann dies mir Unterstützung geben und wegleitend dabei sein, die Begegnung mit dem Menschen, der zu mir in seine erste Stunde kommt, zu suchen und den Kontakt zu halten.

So gibt es einige Stichpunkte, die jedem eigentlich klar sind:

  • Kontakt
  • wenn ich weiß was ich will, warum es diese Begegnung gibt
  • abholen des Klienten da wo er ist,
  • Anlass / persönliche Erwartung definieren
  • gemeinsame Sprache finden
  • eine gemeinsame Basis finden …
    z.B.: mit wenigen Sätzen klären worum es geht
    Bewegung – jeder Moment
    Muskel – macht was ihm „gesagt“ wird
    ergo ist jede Bewegung ganz konkret verursacht

Wo will ich hin
Die Qualität der ungestörten Primärkontrolle, „wach und weich“,

Was ist
Hier und da und dort mache ich bestimmt mehr als notwendig…

Wie komme ich dahin wo ich hin will
Wenn die Muskeln eine andere Arbeit machen sollen als die, die sie gerade eben tun, müssen sie etwas anderes gesagt kriegen u.s.w.

Ab Ende des zweiten Jahres/Beginn des dritten Jahres wird auch das „Hinaustreten in die Welt“ zum Thema und somit auch:  Stunden zu geben.

Es kann sein, dass die/der StudentIn Interessierte aus dem eigenen Bekanntenkreis hat, die mit ihr/ihm die F.M. Alexander-Technik kennen lernen wollen. Ich kann ihr/ihm auch vielleicht als Angebot Interessierte vorschlagen. Dies will ich aber nur als echtes Angebot, d.h. die Entscheidungsfreiheit, es anzunehmen oder auch nicht, hat die/der StudentIn. Beides muss für mich gleichwertig möglich sein, also auch ohne unterschwellige Erwartung von mir.

Diese (Erwartung) könnte sonst Reaktionen provozieren die mit dem, um was es mir mit der Arbeit geht, nichts zu tun haben. Mehr zu diesem mir sehr wichtigen Thema (warum wir tun was wir denken dass wir tun sollten…) bei A. Wilson-Schaef: Co-Abhängigkeit.

Diese ersten Stunden können, parallel zur Klasse, im Nebenraum stattfinden. Und wie kann die Begleitung bei diesen Stunden aussehen?
Die/der StudentIn hat die Möglichkeit jederzeit Unterstützung anzufordern und im Anschluss seine Erfahrungen mitzuteilen und zu reflektieren. Selbstverständlich können diese ebenfalls in die Gruppe mit eingebracht werden.

Einiges kommt sicherlich vielen LeserInnen selbstverständlich vor.

Trotzdem finde ich es wichtig, dieses Selbstverständliche zu erwähnen, das so selbstverständlich ist, dass es viel zu oft stillschweigend vorausgesetzt wird und dabei gleichzeitig vorausgesetzt wird, dass wir das Gleiche darunter verstehen.

Der Umstand, dass wir im Grunde nur allseits anerkannte Namen von Worthülsen austauschen – was sich dann Konversation nennt – wird selten gebührend berücksichtigt. Das wiederum begünstigt Missverstehen und Nichtbegegnen, Hinaufretten (-müssen?) auf Sockel inhaltlicher Kompetenz, Macht (-spielchen), Frust, u.v.m.

Lauter Sachen, die ich in meiner „Klasse“ nicht haben will.

Konzept der „Schule für Lebendiges Lernen“ in Konstanz

Auszug aus dem Konzept
Schule für lebendiges Lernen – Freie aktive Schule Konstanz

1.1. Die pädagogischen Wurzeln

Die „Paten“ unserer pädagogischen Ausrichtung sind:
Frederick Matthias Alexander, Dr. Emmi Pikler und Rebeca und Mauricio Wild.
Ergänzend zu den Ausführungen in unserem Konzept IX 2000 sei hier noch zu F.M. Alexander angefügt:

Eine kurze Information zur F.M. Alexander-Technik und welche Rolle sie an der „Schule für lebendiges Lernen“ spielt.

Die von Frederick Matthias Alexander (1869-1955) im Laufe seiner wissenschaftlichen Untersuchungen und Forschungen entdeckten Prinzipien in ihrer Gesamtheit, deren Anwendung und Vermittlung sind Gegenstand der nach ihm benannten Methode, der F.M. Alexander-Technik (Technik von technos – griech. Kunst, die Kunst sich zu gebrauchen).

Die F.M. Alexander-Technik ist ein Werkzeug für alle, die von ihren beschränkenden und störenden Bewegungs-, Verhaltens-, Denk- und Lerngewohnheiten unabhängiger werden möchten.

Erziehung, kulturelle und andere Rahmenbedingungen haben die meisten Menschen unserer Zivilisation von einer noch halbwegs verlässlichen Einschätzung ihrer Wahrnehmung und natürlichen Koordination entfernt. Diese haben gelernt, diesen Zustand normal zu finden.

Die schleichende Entwicklung begünstigt die Gewöhnung an zunehmend unökonomische, behindernde und schädliche Vorgehensweisen. Diese wiederum sind Mit-, wenn nicht sogar wesentliche, Ursache für viele Behandlungsbedürftigkeiten und Missstände im kleinen wie im großen Rahmen.

Es tut deshalb not, den Faktor des Selbstgebrauchs, d.h. die Art wie man sich (als Ganzes Wesen) gebraucht, wenn man zum Beispiel geht, flötet, am PC arbeitet, in stressigen Situationen ist, aber auch streitet oder sich abgrenzen will, in seiner weichenstellenden Funktion anzuerkennen und damit umzugehen. Auch wenn vielleicht, wie das Sprichwort sagt, der Glaube Berge versetzen kann, kann Nichtglauben noch lange nicht das Aufgehen der Sonne verhindern.

Orientiert sein über das, was ich tue, wie ich mich gebrauche, währenddem ich meine Arbeit mache, ist Voraussetzung für Gestaltungsfreiheit. Erst die Fertigkeit, Entscheidungen auch gegen die gewohnte, vertraute Wahrnehmung treffen zu können, ermöglicht echte Mitbestimmung im eigenen Leben.

Was wir uns als Erwachsene mehr oder weniger mühsam wieder erschließen müssen – die natürliche Koordination wieder zu erlernen – könnte Kindern erspart bleiben, wenn ihr weitestgehend noch unverfälschter, aber auch unbewusster, „Gebrauch des Selbst“ so lange beschützt würde, bis sie sich ihrer selbst bewusst sind.

Bietet z.B. die Umgebung in Kindergarten und Schule dem Kind eine entwicklungsgemäße Anforderung innerhalb eines geschützten Rahmens, dann kann das Kind stimmig und mit sich im Reinen seine Schritte tun. Störquelle sind hier aber oft die Erwachsenen. Wir (die Erwachsenen) haben die ursprüngliche Anbindung zu unserem Inneren und die damit verbundene Sensibilität verloren.

Wir sind mittels erfahrener Manipulationen und erduldeter Übergriffe an einen Maßstab gewöhnt, der es uns z.B. normal erscheinen lässt, einem Kind über den Kopf zu streicheln, weil man es so süß findet. Wem rutscht nicht ein „ist doch nicht so schlimm“ raus, wenn ein Kind hinfällt – als vermeintlichen Trost? Wann stören wir ein Kind bei einer Tätigkeit NICHT und warten bis es diese beendet hat um mit ihm Kontakt aufzunehmen? Statt dessen kann so oft beobachtet werden, dass die „woher auch immer“-Eingebung als ausreichende Grundlage erscheint, das Kind mit einer „Bereicherung“ zu konfrontieren, die vielleicht mit uns, aber ganz sicher nichts mit dem Kind zu tun hat..

Erwachsene, die Kinder begleiten, leben ihnen ihre eigene Normalität vor und damit auch, wie sich selbst gebrauchen, ihre Selbstverständlichkeiten werden erfahrbar. Gleichzeitig ist der Grad der Sensibilität, mit der sie ihre Mitmenschen, und damit auch die Kinder, wahrnehmen können, wesentlich dadurch mitbestimmt. Das Ausmaß ihrer physischen, sozialen und emotionalen Kompetenz wird somit zum Limit des Weges, den sie den Kindern als (lebenswerte?) Perspektive aufzeigen können.

Das Wichtigste an der Arbeit mit Kindern ist aus der Sicht Alexanders deshalb die Arbeit mit den Erwachsenen. Nicht nur, damit sie sich wieder mit freiem Hals und geradem Rücken bewegen, sondern um sensibler zu werden für die Kinder, diese wahrzunehmen und zu begleiten anstatt irgendwohin bringen zu müssen. Auch um zu lernen die Kinder anzunehmen wie und wo sie sind, auch wenn dies an ihrem eigenen erlebten und nicht bewältigten Schmerz rührt, da wohl die meisten der Erwachsenen nicht so aufgewachsen sind. Es ist an ihnen zu lernen – kompetent Grenzen zu setzen ohne gleichzeitig kämpfen zu müssen – und – „helfen“ zu unterlassen, ohne sich dabei verkrampfend zurücknehmen zu müssen -.

Die F.M. Alexander-Technik kann die BegleiterInnen im Kindergarten-Schul-Projekt zuverlässig bei deren Bestreben unterstützen, den Kindern eine entspannte vorbereitete Umgebung bereit zu stellen, und dabei selbst in herausfordernden Situationen gelassen, freundlich und respektvoll mit sich umzugehen.

Die Prinzipien der F.M. Alexander-Technik machen die Notwendigkeit einer lebensfreundlichen Umgebung die (meine) Kinder respektiert deutlich. Es reicht nicht aus, sich auf das Abschwächen der Symptomatik, die eine ungeeignete Umgebung bei Kindern erzeugt, zu beschränken.

Ermöglicht wird das Angebot an alle Teammitglieder seit 2002 dank der TeilnehmerInnen am dreijährigen Intensivkurs (G.L.A.T. anerkannte Fort- bzw. Ausbildung zum Lehrer/zur Lehrerin für F.M. Alexander-Technik) im gleichen Haus. Diese erfahren dadurch ihrerseits eine Bereicherung, wertvolle Ergänzung und qualitative Aufwertung ihrer Lernumgebung.

Brauchen Kinder Unterricht in der Alexander-Technik?

„In the first place, the principle of prevention should be applied to children at a very early age …“ (CCCI)

In diesem Sinne empfand ich es als Alexander-Lehrer vor acht Jahren noch als völlig normal, auch mit Kindern zu arbeiten.

Heute, nach Begegnung mit anderen Ansätzen in Bezug auf die Entwicklung von Kindern und das Lernen als solchem sowie den Sinn und die Möglichkeiten einer beschulenden Umgebung für Kinder erscheint mir Alexander-Unterricht mit Kindern in einem anderen Licht.

F.M. Alexander erwähnt in MSI, dass Kinder mittels folgenden zwei Methoden lernen. Die erste und in den frühen Lebensjahren vorherrschende Methode ist Lernen durch Nachahmung, die zweite geschieht durch Gebote oder direkte Anweisungen positiver wie negativer Art (Maisel, Arbor, 1985). Darin findet sich auch die Berechtigung für die Notwendigkeit, die Vorbildfunktion von Erwachsenen gar nicht wichtig genug nehmen zu können. Grete Laub bezieht neben den Eltern auch die Lehrer ein, die um die Alexander-Technik wissen oder noch besser selber Unterricht haben sollen, um den Kindern auch in dieser Hinsicht kein schlechtes Beispiel zu geben (1982).

Dank Frederic Vesters „Denken, Lernen, Vergessen“ stellte ich das erste Mal die selbst erfahrenen schulischen Bewertungsmaßstäbe und die Notengebung als solches ernsthaft in Frage. Gibt doch eine Note nur den Grad an „Verwand- oder Nachbarschaft“ mit dem Lern- und Denkmuster des Lehrers an und in keinster Weise Auskunft über Wissen und das Vermögen, Lösungen für Fragestellungen zu finden. Viele Informationen zum Lernen als solchem, zur Gehirnentwicklung und zur Bedeutung der Umgebung dafür (die Erwachsenen sind Teil dieser) machten mich neugierig auf mehr.

Mittlerweile war unsere älteste Tochter wichtige Bereicherung unseres Lebens und unsere zweite war gerade vierteljährig, als mir durch Zufall (?) „Friedliche Babys – zufriedene Mütter“ von Anna Tardos in die Hände fiel. Die Bedeutung einer ungestörten Bewegungsentwicklung vom Säugling bis zum Kleinkind zum Thema, wurde mir dadurch ernüchternd bewusst, wie oft ich erfolgreich, nett und wohlwollend, viele – wie ich jetzt weiß – notwendige Lernsituationen weggeholfen habe, was für mein gegenwärtiges Verständnis einem aktiven Behindern von Lebensprozessen gleichkommt. So traurig ich deshalb für meine älteste Tochter war, so froh war ich für unsere zweite.

Es war für mich auch Anlaß meine bisherige Arbeit mit Kindern infrage zu stellen. Ist es wirklich stimmig, einem Kind zu sagen, was „gut“ für es ist? Wenn ich meine, dass es jetzt diesen oder jenen Lernschritt gehen sollte, woher weiß ich dann, ob es für das Kind wirklich an der Zeit ist, diesen Schritt zu gehen? Gibt mir das Verwenden von „kindgerechten“ Bildern, Geschichten oder sanften Mitteln wirklich das Recht dazu, das Kind auf einen Weg zu lotsen, den ich als erstrebenswert ansehe, währenddem seine angestammte Umgebung bestehen bleibt, nicht mitwächst, nicht in Frage gestellt werden kann?

Die eminente Auswirkung des Vorbilds Erwachsener habe ich am Beispiel einer mir bekannten Familie schmerzhaft deutlich miterleben können. Als der Sohn gerade stark und alt genug zum Stehen und Gehen war, stand er aufrecht, voll im Lot, eine Augenweide – wie es wohl bei vielen Kindern ist. Nur ein viertel Jahr später stand und bewegte er sich wie seine Eltern mit deutlichem Hohlrundrücken, die Schultern nach vorne unten fallend, eine Ausrichtung der Schwerkraft entgegen. Die Begegnung war zu Zeiten meiner Lehrerausbildung, meine vorherige Profession als Physiotherapeut war noch sehr präsent. Wir waren freundschaftlich bekannt und sahen uns regelmäßig. Ich spielte mit dem Jungen und konnte spielerisch diese Entwicklung untersuchen. So ließ er es wohl zu, dass ich ihn in eine gerade Haltung stellte, sobald wie möglich suchte er jedoch wieder die kollabierte auf, das andere war ihm zu unbequem. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der er sich zuerst ausrichtete – förmlich in den Raum hineinwuchs – , sackte er jetzt zusammen, Zeugnis eines nur mehrmonatigen Gewöhnungsprozesses.

Ist es nur die Stellung, resp. Haltung? Auch wenn diese sehr deutlich der von den Eltern entsprach, möchte ich meinen – nein. Was wirkte war die innere Ausrichtung, die innere Bewegung, die innere Freiheit mit Situationen umzugehen.

Diese erlebte Geschichte machte mir die Notwendigkeit überdeutlich, dass die Erwachsenen die Arbeit brauchen.

Im GLAT-Info wurde einmal von Mari-Line Roth ein Artikel zu dem Buch „Erziehung zum Sein“ von Rebeca Wild veröffentlicht. Dieser wurde für uns im nachhinein (1 ½ Jahre später) zum weiteren Mosaiksteinchen. Rebeca und Mauricio Wild gründeten aus persönlicher Notwendigkeit heraus ein Kindergarten-Schulprojekt in Ecuador, das Pesta. Eine Einrichtung, welche den Kindern in einer entspannten vorbereiteten Umgebung die ungestörte Entwicklung ihrer Lebensprozesse ermöglichen soll, unterstützt durch eine aktive nichtdirektive Begleitung. Hier ist Raum für die Kinder, ihre Entwicklungsbedürfnisse zu stillen, und gleichzeitig lernen sie, ohne dass ihnen etwas beigebracht wird.

Die Umgebung bietet meiner Meinung nach zusätzlich zu den beiden vorgenannten Methoden, Nachahmung und Ge-/Verbote, weichenstellendes Potential, das berücksichtigt werden muss. Bietet sie dem Kind eine entwicklungsgemäße Anforderung innerhalb eines geschützten Rahmens, dann kann das Kind stimmig und mit sich im Reinen seine Schritte tun. Störquelle sind hier oft die Erwachsenen. Wir haben die erforderliche Sensibilität „verbimst“, sind selbst mittels erfahrener Manipulationen und erduldeter Übergriffe an einen Maßstab gewöhnt, der es uns z.B. normal erscheinen lässt, einem Kind über den Kopf zu streicheln, weil man es so süß findet. Wem rutscht nicht ein „ist doch nicht so schlimm“ raus, wenn ein Kind hinfällt – als vermeintlichen Trost? Wann stören wir ein Kind bei einer Tätigkeit NICHT und warten bis es diese beendet hat um mit ihm Kontakt aufzunehmen? Statt dessen kann so oft beobachtet werden, dass die „woher auch immer“-Eingebung als ausreichende Grundlage erscheint, das Kind mit einer „Bereicherung“ zu konfrontieren, die vielleicht mit uns, aber ganz sicher nichts mit dem Kind zu tun hat. Unendlich viele Beispiele könnten noch folgen, zur beispielhaften Verdeutlichung mögen diese genügen.

Ist der rechtliche Rahmen innerhalb der Gesellschaft dafür gegeben, erfordert das für mich erst recht die Konsequenz, auch Kindergarten und Schule anzusehen. Die vorhandenen Möglichkeiten boten uns nicht die Aussicht, dass sie sich an den Lebensprozessen des Einzelnen orientieren und diese respektieren. So entstand aus der Notwendigkeit heraus mit unserer Unterstützung ein Kindergarten- und Schulprojekt hier in Konstanz (www.lebendiges-lernen-ev.de).

Für mich heißt dies jetzt, dass das Wichtigste an der Arbeit mit Kindern die Arbeit mit den Erwachsenen ist. Nicht nur, dass sie sich mit freiem Hals und geradem Rücken bewegen, sondern um sensibler zu werden für die Kinder, diese wahrzunehmen und zu begleiten anstatt irgendwohin bringen zu müssen, sie anzunehmen wie und wo sie sind, auch wenn dies an unserem eigenen erlebten und nicht bewältigten Schmerz rührt, da wohl die meisten von uns nicht so aufgewachsen sind. Es ist an den Erwachsenen zu lernen – kompetent Grenzen zu setzen ohne gleichzeitig kämpfen zu müssen – und – „helfen“ zu unterlassen, ohne sich dabei verkrampfend zurücknehmen zu müssen.

D.h. die Arbeit bringt mir die Verpflichtung, für eine lebensfreundliche Umgebung zu sorgen, die (meine) Kinder respektiert, die Symptomatik die eine ungeeignete Umgebung bei Kindern erzeugt abzuschwächen kann nicht Sinn der Arbeit sein.

Die Quelle der Kraft

Alles kann so oder so getan werden. Oder sogar nochmal anders.

Von Heinrich Kuhn (foyer 12, 2002)

 

Kraft – kann ich überhaupt Kraft verlieren? Und wenn, kann mir jemand Kraft entziehen, kann mir etwas oder jemand auch Kraft geben, kann Kraft von außen in mich eindringen, gibt es so etwas wie Kraft tanken, oder wo ist die Kraft hergekommen, wenn ich aufkeimende Kraft wahrnehme?

Das sind Gedanken, die mir immer wieder begegnen. Durch meine Arbeit an mir und mit anderen Menschen erscheinen sie mir heute im Vergleich zu früher in einem anderen Licht.

Ich bin und ich gehe mit mir um – ich gebrauche mich. Wie dieses geschieht, wird wesentlich durch mein Selbstverständnis beeinflusst, durch meine Konzepte und mein gewohntes Vorgehen. Diese meine gewohnte Steuerung nenne ich Autopilot. Er ermöglicht mir, das Stehen, Gehen etc. nicht immer wieder neu erfinden zu müssen. Dank Autopilot habe ich es leichter, mich anderen Themen und Dingen zu widmen.

Im gleichen Zuge habe ich mir einen Umgang mit der Aufmerksamkeit angewöhnt, durch den sich die automatisch gesteuerte Tätigkeit immer mehr aus dem Blickfeld entfernt hat und ich so immer weniger darüber orientiert bin, „wie“ ich diese Aufgabe bewerkstellige. Das zeigt sich zum Beispiel dadurch, dass ich zunehmend angespannt und verkrampft dastehen kann, aber erst dann, wenn schmerzhafte Dimensionen erreicht werden, und selbst dann auch nur vielleicht, „aufwache“ und die Anspannung wahrnehme.

Mit wachsendem Angewöhnen des Ausblendens fühlt es sich auch immer stimmiger an, die Rückmeldungen aus allen Ecken und Enden meines Organismus nicht mehr zu bemerken, letztlich mich nicht mehr wahrzunehmen und zu spüren.Aber nicht, dass ich mich daran gewöhnt habe, ist so katastrophal, sondern dass ich gelernt habe, dieses normal zu finden.

Damit habe ich auch die Möglichkeit verloren, mich an die, jedem Menschen mit dem Leben geschenkte, natürliche Koordination zu erinnern, ich habe sie schlichtweg vergessen.

F.M. Alexander (1869 -1955), geboren auf Tasmanien, behinderten Stimmprobleme auf seinem Weg in eine vielversprechende Karriere als Schauspieler und Shakespeare-Rezitator. Behandlungen brachten keinen bleibenden Erfolg. So kam er auf die Frage: „Vielleicht tue ich etwas, was dazu führt, dass diese Schwierigkeiten – Heiserkeit bis zur Stimmlosigkeit während der Vorstellung – auftreten.“ Der nächste wesentliche Schritt war, dass er sich auf den Weg machte, eine Antwort zu finden. Da selbst sein Arzt ihm nicht sagen konnte, was er tat, begann er sich zu beobachten und nahm dabei einen Spiegel zu Hilfe. Er konnte entdecken, dass er, wenn er rezitieren wollte, nicht unmittelbar damit begann, sondern dass er nach der Entscheidung zuerst den Kopf in den Nacken zog, den Kehlkopf hinunterdrückte und die Luft hörbar einsog. Er vermutete die Wurzel seiner Beschwerden hier und ging dem weiter nach. Mit der Zeit konnte er feststellen, dass die überflüssige Anspannung nicht nur im Halsbereich erfolgte. Ein Reflex, dort ausgelöst, verursachte eine weiterlaufende Spannungserhöhung über den Rumpf bis in die Schultern, Arme und Hände, Beine und Füße. Das so entstandene Übermaß an Spannung war ihm vertraut. Er konnte sehen, dass er auch bei allen anderen Handlungen gewohnt war, immer zuerst diesen Reflex auszulösen, quasi zwischen der Entscheidung zu einer Aktion und deren Ausführung und auch, dass es sich um eine allgemein etablierte Gewohnheit handelte. Ein direktes „Richtigmachen“ war nicht möglich. Er musste lernen, sein gewohntes Vorgehen zu unterbinden, um das Auslösen dieses Störreflexes zu unterlassen. Sein Versuch, sich gefühlsmäßig zu orientieren, schien anfangs zu funktionieren, die Probleme traten jedoch kurze Zeit später wieder auf.

Dank weiterer Spiegel konnte er ziemlich schnell feststellen, dass er längst nicht tat, was er dachte dass er tut:

Er konnte sehr wohl die Wahrnehmung haben, dass er jetzt frei und unverkrampft stand und sprach, und gleichzeitig im Spiegel sehen, dass er den Kopf immer noch herunterzog, nur eben anders. Das Gefühl „richtig zu sein“ hatte ihn betrogen.

Im weiteren Verlauf seiner Forschungen fand er eine Möglichkeit, die natürlich vorgesehene Koordination wieder anzustreben und ungehindert arbeiten zu lassen und auch einen Weg, dieses zu vermitteln oder, wie er es nannte, zu unterrichten.

Mir gefällt auch, wie Steven R. Covey (1996) Viktor E. Frankl mit dem Satz zitiert: „Die letzte Freiheit des Menschen liegt zwischen Reiz und Reaktion.“ Mir scheint dieser Moment, in dem diese Freiheit liegen soll, so verschwindend klein und leise. Auch wird er, wenn überhaupt, oft erst im Nachhinein mit einem leidvollen „Hätt ich doch …“ wahrgenommen und bleibt so ungenutzt.

Noch ein Stress? Oder aber eine Freude über neue Gelegenheiten, mir aussuchen zu können, was für mich stimmt?

Stress ist für mich ein Reiz, ein Stimulus, dem ich begegne, zum Beispiel dem Klingeln des Telefons oder der Begegnung mit einem misslaunigen Menschen. Die Reaktion auf diese Reize kann so konditioniert und zeitlich unmittelbar erfolgen, dass sie als unabänderlich empfunden wird und mich diktiert: Ich hebe den Hörer ab, ich setze mich der schlechten Laune aus. Nicht so reagieren wollen mündet leicht in ein angestrengtes „Nicht-damit-beschäftigt-sein-wollen“ oder, wie es auch oft beschrieben wird, in ein Abgrenzen, was meist auch nicht als befriedigende Lösung erlebt wird.

Alles kann so oder so getan werden oder sogar nochmal anders.

Wie F.M. Alexanders Geschichte zeigt, heißt das Erkennen ungünstiger gewohnter Reaktions- und Bewegungsmuster noch lange nicht, dass ich sie unterlassen kann. Gleichwohl kann es die nötige Voraussetzung dafür sein, einen konkreten Handlungsbedarf festzustellen.

Ich lebe mit all meinen Daseinsqualitäten, mit allen Sinnen, emotional, geistig, seelisch, bewusst und unbewusst – ob ich will oder nicht. Auch bei der einfachsten Bewegung ist mein gesamter Organismus beteiligt, selbst wenn ich nur den linken kleinen Finger beuge, nur eine einfache Rechenaufgabe löse oder mich einem Gefühl hingebe. Es gibt kein isoliertes Erleben oder Handeln. Die Gesamtheit alles Erlebten und Erfahrenen möchte ich hier als Selbstverständnis oder als meine individuelle Normalität bezeichnen. Das ist der Sollwert, mit dem die in jedem Augenblick von allen Sensoren gegebenen Rückmeldungen (Istwerte) abgeglichen werden. Diese abermillionen Informationen werden verarbeitet, zusammengefasst, eingeschätzt und benannt, alles weitgehend unter- und unbewusst. Ebenfalls automatisch werden auf diesem Boden der erlebten Wirklichkeit diejenigen Befehle gegeben, die notwendig sind, um den Ist- an den Sollwert anzunähern, ein fortwährend dynamischer Prozess, um den wir uns nicht bewusst kümmern müssen oder auch können. Wegen dieser „Automatik“, daher meine Bezeichnung Autopilot, fühlt sich Gewohntes richtig und normal, Ungewohntes jedoch falsch an.

Aus diesem Grund kann ich mich auch nicht auf die Einschätzung meiner sensorischen Wahrnehmung verlassen.
Ein einfaches Beispiel für die unzuverlässige Sinneseinschätzung kann die Bitte an 100 Menschen zeigen, sich gerade hinzustellen. Wir werden 100 verschiedene Möglichkeiten sehen wie Menschen stehen können, gleichzeitig wird jeder dieser 100 für sich meinen, gerade zu stehen.

Nicht auf die gewohnte Weise handeln, bewegen, reagieren verursacht eine ungewohnte, unvertraute Selbstwahrnehmung, ich erlebe mich nicht gemäß meinem Selbstverständnis. Die Gewohnheit, mich richtig fühlen zu müssen, ist stark und löst das deutliche Bedürfnis danach aus, mich wieder als mich zu finden. Diese Diskrepanz zuzulassen oder auszuhalten kann auch mit sich bringen, dass ich mich schwach und unsicher empfinde. Das macht die Situation nicht leichter, sondern treibt mich eher noch mehr dazu an, mich wieder normal fühlen zu wollen, um stark genug zu sein, diese Situation zu meistern. Wenn ich nun ein neues Vorgehen anwenden möchte, muss ich erst dafür sorgen, dass es Platz hat. Selbst das Gewohnte ist ganz konkret veranlasst, deshalb muss es dem Neuen förmlich den Platz überlassen. Dies macht erforderlich, dass anstelle der Befehle, die das Gewohnte veranlassen, andere Befehle gegeben werden, nämlich die, die das Neue zur Folge haben.

Ich muss unterlassen, das Gewohnte zu veranlassen. Es ist meine Entscheidungskompetenz gefragt, ich muss wählen, denn sonst habe ich auch gewählt – nämlich den Autopiloten mit aller Konsequenz.

Stress als Frage, Angebot…

Unterlasse ich es, auf den Schlüsselreiz mit meinem Muster einzusteigen, habe ich den ersten Schritt in die Freiheit getan. Gleichwohl bin ich noch immer auf dem Stand meiner gewohnten und möglicherweise nicht besonders günstigen Gesamtkoordination. Diese wird maßgeblich beeinflusst durch die Qualität des Zusammenspiels von Kopf, Hals und Rumpf. Bei kleinen Kindern, die gerade stark genug zum Stehen sind und zu Laufen beginnen, ist diese Steuerungsinstanz oft noch unverfälscht mitzuerleben. Sie wachsen dadurch förmlich in den Raum hinein, schwimmen im Raum, ihre Bewegungen sind fließend, ihr Geist wach und lebendig.

Meine Freiheit und damit auch Verantwortung gegenüber mir erwächst aus der sich mir erschlossenen Möglichkeit, Einfluss auf die Art und Weise, wie ich organisiert bin, zu nehmen.

Durch das gleichzeitige Nichtfokussieren oder Nichtfesthalten meiner Aufmerksamkeit kann ich leichter meine gewohnte – gleichsam auf der Lauer liegende – Antwort bemerken. Zum Beispiel kann eine Situation so von mir erlebt werden, dass ich empfinde, dass ich mich aufregen oder ärgern „muss“ (hier lockt das „Bekannte“). Ich kann registrieren, dass ich zu mache, der Vorhang geht runter, oder wie ich es sonst beschreiben würde. Ich kann vielleicht sogar merken, dass dieses Erleben auch eine Verquickung mit eigenen Geschichten beinhaltet, kann entscheiden, dass ich das auseinander halten und deshalb nur auf die Frage dieser Situation antworten will. Damit kann ich den Anderen (Menschen, Kollegen, Schüler, Eltern…), auch vielleicht in seiner Not, besser wahrnehmen, ihn annehmen und unterstützen. Dadurch, dass ich bei-mir-bleibe anstatt mich-zu-verlieren, strenge ich mich auch nicht an und kann die Situation deshalb auch nicht als kraftraubend erleben.

Oft genug läuft es jedoch anders. Hier, denke ich, ist der Spielraum, der, anders genutzt, z.B. auch dem zunehmend häufigerem Auftreten des burn-out-Syndroms vorbeugen kann. Prädikate wie: mich verausgaben, mich verlieren, mich unter Zugzwang fühlen, positiven Leistungsbemessungsergebnissen hinterherhecheln werden beschrieben. Der Weg dahin kann aber auch, sicher ungewollt, hausgemacht sein und eröffnet dadurch die erfreuliche Perspektive, dass ich mich davon auch wieder verabschieden kann.

Anstrengen erscheint mir als eine etablierte, eigenständig betriebene Aktivität, ist es meiner Meinung nach aber nicht. Wem ist nicht geläufig, dass er sich mehr anstrengen muss, um ein gewisses Ziel zu erreichen. Und wenn’s nicht klappt, wird noch mehr anstrengen als Vorgehen benutzt, um doch noch zum Ziel zu kommen. Sehr oft akzeptierte Erkenntnis ist es, wenn es nicht geht, habe ich mich nicht genug angestrengt (vgl. das „mehr desselben“, Konstruktivismus, Paul Watzlawik). Anstrengen ist wie die Bremse ziehen und dann gleichzeitig Gas geben, noch mehr anstrengen … ein Teufelskreis.

Das schließt auch mit ein, mich in der gegenwärtigen Situation anzunehmen und mich nicht unter Druck zu setzen. Annehmen heißt nicht: gutheißen müssen. Eigene Lebenserfahrungen haben mich oft spüren lassen, dass ich nur angenommen werde, wenn ich richtig, schön, gut, brav oder was sonst noch alles bin. Was habe ich nicht alles getan um geliebt zu werden, um zu kooperieren mit Eltern und anderen, auf wie viele versteckte und offensichtliche Auslöser bin „angesprungen“. Durch das Annehmen meiner momentanen Grenzen nehme ich den mir vorher gemachten Druck weg, mein Geist – und meine Lernfähigkeit – ist frei, die Bremsen sind auf und ich kann besser denken, schneller laufen, kompetenter mit meinen Gefühlen umgehen.

Wiederholt haben Klienten von mir von Erfahrungen in ihren Diplomprüfungen berichtet. Sie waren ganz überrascht über die Leichtigkeit, mit der sie, ganz im Gegensatz zu früheren Examina, über ihr Wissen verfügen konnten. Sie hatten zuvor über einen längeren Zeitraum mit der Alexander-Technik gearbeitet und sie sich zunehmend erschlossen.

Ich habe versucht es mit dem Bild zu fassen, dass sie das erlernte Wissen auch früher sehr wohl wie in einem Rucksack in die Prüfungen mitgebracht hätten. Ihre Aufregung, ihr ungünstiger Gebrauch des Selbst etc. führte aber vielleicht dazu, sich beim beeilten Aufnesteln des Rucksacks so zu verheddern, dass sie nicht uneingeschränkt über dessen Inhalt verfügen konnten. Mit dem anderen Gebrauch gelang es ihnen souverän, denselben zu öffnen und mit Hilfe des Inhalts die Aufgabe zu ihrer Zufriedenheit zu meistern.

Das Bild legt mir den Gedanken nahe, dass der Rucksack auch mit Kraft gefüllt sein könnte. Wie bekomme ich Zugang zur Kraft – zu meiner Kraft

Wenn ich mit mir im Reinen bin, so scheint es mir, ist der Zugang zur Kraft offen und wird vielleicht auch erlebt, wenn’s stimmig ist, wächst mir sogar Kraft zu. Genauso kann es auch sein, dass Situationen, in denen wir gegen uns arbeiten, als kräftezehrend empfunden werden.

Wir Menschen sind jedoch auch oft genug in Situationen, die nicht „entweder – oder“ sind und in denen die Möglichkeit, uns bewusst zu gebrauchen und es auch zu tun, ein Tor in die Freiheit entstehen lässt.

F.M. Alexanders Prinzipien und deren Anwendung sind ein geeignetes Werkzeug, genau diesen Moment wieder zu erleben und echte Gestaltungsfreiheit zu ermöglichen.