Brauchen Kinder Unterricht in der Alexander-Technik?

„In the first place, the principle of prevention should be applied to children at a very early age …“ (CCCI)

In diesem Sinne empfand ich es als Alexander-Lehrer vor acht Jahren noch als völlig normal, auch mit Kindern zu arbeiten.

Heute, nach Begegnung mit anderen Ansätzen in Bezug auf die Entwicklung von Kindern und das Lernen als solchem sowie den Sinn und die Möglichkeiten einer beschulenden Umgebung für Kinder erscheint mir Alexander-Unterricht mit Kindern in einem anderen Licht.

F.M. Alexander erwähnt in MSI, dass Kinder mittels folgenden zwei Methoden lernen. Die erste und in den frühen Lebensjahren vorherrschende Methode ist Lernen durch Nachahmung, die zweite geschieht durch Gebote oder direkte Anweisungen positiver wie negativer Art (Maisel, Arbor, 1985). Darin findet sich auch die Berechtigung für die Notwendigkeit, die Vorbildfunktion von Erwachsenen gar nicht wichtig genug nehmen zu können. Grete Laub bezieht neben den Eltern auch die Lehrer ein, die um die Alexander-Technik wissen oder noch besser selber Unterricht haben sollen, um den Kindern auch in dieser Hinsicht kein schlechtes Beispiel zu geben (1982).

Dank Frederic Vesters „Denken, Lernen, Vergessen“ stellte ich das erste Mal die selbst erfahrenen schulischen Bewertungsmaßstäbe und die Notengebung als solches ernsthaft in Frage. Gibt doch eine Note nur den Grad an „Verwand- oder Nachbarschaft“ mit dem Lern- und Denkmuster des Lehrers an und in keinster Weise Auskunft über Wissen und das Vermögen, Lösungen für Fragestellungen zu finden. Viele Informationen zum Lernen als solchem, zur Gehirnentwicklung und zur Bedeutung der Umgebung dafür (die Erwachsenen sind Teil dieser) machten mich neugierig auf mehr.

Mittlerweile war unsere älteste Tochter wichtige Bereicherung unseres Lebens und unsere zweite war gerade vierteljährig, als mir durch Zufall (?) „Friedliche Babys – zufriedene Mütter“ von Anna Tardos in die Hände fiel. Die Bedeutung einer ungestörten Bewegungsentwicklung vom Säugling bis zum Kleinkind zum Thema, wurde mir dadurch ernüchternd bewusst, wie oft ich erfolgreich, nett und wohlwollend, viele – wie ich jetzt weiß – notwendige Lernsituationen weggeholfen habe, was für mein gegenwärtiges Verständnis einem aktiven Behindern von Lebensprozessen gleichkommt. So traurig ich deshalb für meine älteste Tochter war, so froh war ich für unsere zweite.

Es war für mich auch Anlaß meine bisherige Arbeit mit Kindern infrage zu stellen. Ist es wirklich stimmig, einem Kind zu sagen, was „gut“ für es ist? Wenn ich meine, dass es jetzt diesen oder jenen Lernschritt gehen sollte, woher weiß ich dann, ob es für das Kind wirklich an der Zeit ist, diesen Schritt zu gehen? Gibt mir das Verwenden von „kindgerechten“ Bildern, Geschichten oder sanften Mitteln wirklich das Recht dazu, das Kind auf einen Weg zu lotsen, den ich als erstrebenswert ansehe, währenddem seine angestammte Umgebung bestehen bleibt, nicht mitwächst, nicht in Frage gestellt werden kann?

Die eminente Auswirkung des Vorbilds Erwachsener habe ich am Beispiel einer mir bekannten Familie schmerzhaft deutlich miterleben können. Als der Sohn gerade stark und alt genug zum Stehen und Gehen war, stand er aufrecht, voll im Lot, eine Augenweide – wie es wohl bei vielen Kindern ist. Nur ein viertel Jahr später stand und bewegte er sich wie seine Eltern mit deutlichem Hohlrundrücken, die Schultern nach vorne unten fallend, eine Ausrichtung der Schwerkraft entgegen. Die Begegnung war zu Zeiten meiner Lehrerausbildung, meine vorherige Profession als Physiotherapeut war noch sehr präsent. Wir waren freundschaftlich bekannt und sahen uns regelmäßig. Ich spielte mit dem Jungen und konnte spielerisch diese Entwicklung untersuchen. So ließ er es wohl zu, dass ich ihn in eine gerade Haltung stellte, sobald wie möglich suchte er jedoch wieder die kollabierte auf, das andere war ihm zu unbequem. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der er sich zuerst ausrichtete – förmlich in den Raum hineinwuchs – , sackte er jetzt zusammen, Zeugnis eines nur mehrmonatigen Gewöhnungsprozesses.

Ist es nur die Stellung, resp. Haltung? Auch wenn diese sehr deutlich der von den Eltern entsprach, möchte ich meinen – nein. Was wirkte war die innere Ausrichtung, die innere Bewegung, die innere Freiheit mit Situationen umzugehen.

Diese erlebte Geschichte machte mir die Notwendigkeit überdeutlich, dass die Erwachsenen die Arbeit brauchen.

Im GLAT-Info wurde einmal von Mari-Line Roth ein Artikel zu dem Buch „Erziehung zum Sein“ von Rebeca Wild veröffentlicht. Dieser wurde für uns im nachhinein (1 ½ Jahre später) zum weiteren Mosaiksteinchen. Rebeca und Mauricio Wild gründeten aus persönlicher Notwendigkeit heraus ein Kindergarten-Schulprojekt in Ecuador, das Pesta. Eine Einrichtung, welche den Kindern in einer entspannten vorbereiteten Umgebung die ungestörte Entwicklung ihrer Lebensprozesse ermöglichen soll, unterstützt durch eine aktive nichtdirektive Begleitung. Hier ist Raum für die Kinder, ihre Entwicklungsbedürfnisse zu stillen, und gleichzeitig lernen sie, ohne dass ihnen etwas beigebracht wird.

Die Umgebung bietet meiner Meinung nach zusätzlich zu den beiden vorgenannten Methoden, Nachahmung und Ge-/Verbote, weichenstellendes Potential, das berücksichtigt werden muss. Bietet sie dem Kind eine entwicklungsgemäße Anforderung innerhalb eines geschützten Rahmens, dann kann das Kind stimmig und mit sich im Reinen seine Schritte tun. Störquelle sind hier oft die Erwachsenen. Wir haben die erforderliche Sensibilität „verbimst“, sind selbst mittels erfahrener Manipulationen und erduldeter Übergriffe an einen Maßstab gewöhnt, der es uns z.B. normal erscheinen lässt, einem Kind über den Kopf zu streicheln, weil man es so süß findet. Wem rutscht nicht ein „ist doch nicht so schlimm“ raus, wenn ein Kind hinfällt – als vermeintlichen Trost? Wann stören wir ein Kind bei einer Tätigkeit NICHT und warten bis es diese beendet hat um mit ihm Kontakt aufzunehmen? Statt dessen kann so oft beobachtet werden, dass die „woher auch immer“-Eingebung als ausreichende Grundlage erscheint, das Kind mit einer „Bereicherung“ zu konfrontieren, die vielleicht mit uns, aber ganz sicher nichts mit dem Kind zu tun hat. Unendlich viele Beispiele könnten noch folgen, zur beispielhaften Verdeutlichung mögen diese genügen.

Ist der rechtliche Rahmen innerhalb der Gesellschaft dafür gegeben, erfordert das für mich erst recht die Konsequenz, auch Kindergarten und Schule anzusehen. Die vorhandenen Möglichkeiten boten uns nicht die Aussicht, dass sie sich an den Lebensprozessen des Einzelnen orientieren und diese respektieren. So entstand aus der Notwendigkeit heraus mit unserer Unterstützung ein Kindergarten- und Schulprojekt hier in Konstanz (www.lebendiges-lernen-ev.de).

Für mich heißt dies jetzt, dass das Wichtigste an der Arbeit mit Kindern die Arbeit mit den Erwachsenen ist. Nicht nur, dass sie sich mit freiem Hals und geradem Rücken bewegen, sondern um sensibler zu werden für die Kinder, diese wahrzunehmen und zu begleiten anstatt irgendwohin bringen zu müssen, sie anzunehmen wie und wo sie sind, auch wenn dies an unserem eigenen erlebten und nicht bewältigten Schmerz rührt, da wohl die meisten von uns nicht so aufgewachsen sind. Es ist an den Erwachsenen zu lernen – kompetent Grenzen zu setzen ohne gleichzeitig kämpfen zu müssen – und – „helfen“ zu unterlassen, ohne sich dabei verkrampfend zurücknehmen zu müssen.

D.h. die Arbeit bringt mir die Verpflichtung, für eine lebensfreundliche Umgebung zu sorgen, die (meine) Kinder respektiert, die Symptomatik die eine ungeeignete Umgebung bei Kindern erzeugt abzuschwächen kann nicht Sinn der Arbeit sein.