Die Quelle der Kraft

Alles kann so oder so getan werden. Oder sogar nochmal anders.

Von Heinrich Kuhn (foyer 12, 2002)

 

Kraft – kann ich überhaupt Kraft verlieren? Und wenn, kann mir jemand Kraft entziehen, kann mir etwas oder jemand auch Kraft geben, kann Kraft von außen in mich eindringen, gibt es so etwas wie Kraft tanken, oder wo ist die Kraft hergekommen, wenn ich aufkeimende Kraft wahrnehme?

Das sind Gedanken, die mir immer wieder begegnen. Durch meine Arbeit an mir und mit anderen Menschen erscheinen sie mir heute im Vergleich zu früher in einem anderen Licht.

Ich bin und ich gehe mit mir um – ich gebrauche mich. Wie dieses geschieht, wird wesentlich durch mein Selbstverständnis beeinflusst, durch meine Konzepte und mein gewohntes Vorgehen. Diese meine gewohnte Steuerung nenne ich Autopilot. Er ermöglicht mir, das Stehen, Gehen etc. nicht immer wieder neu erfinden zu müssen. Dank Autopilot habe ich es leichter, mich anderen Themen und Dingen zu widmen.

Im gleichen Zuge habe ich mir einen Umgang mit der Aufmerksamkeit angewöhnt, durch den sich die automatisch gesteuerte Tätigkeit immer mehr aus dem Blickfeld entfernt hat und ich so immer weniger darüber orientiert bin, „wie“ ich diese Aufgabe bewerkstellige. Das zeigt sich zum Beispiel dadurch, dass ich zunehmend angespannt und verkrampft dastehen kann, aber erst dann, wenn schmerzhafte Dimensionen erreicht werden, und selbst dann auch nur vielleicht, „aufwache“ und die Anspannung wahrnehme.

Mit wachsendem Angewöhnen des Ausblendens fühlt es sich auch immer stimmiger an, die Rückmeldungen aus allen Ecken und Enden meines Organismus nicht mehr zu bemerken, letztlich mich nicht mehr wahrzunehmen und zu spüren.Aber nicht, dass ich mich daran gewöhnt habe, ist so katastrophal, sondern dass ich gelernt habe, dieses normal zu finden.

Damit habe ich auch die Möglichkeit verloren, mich an die, jedem Menschen mit dem Leben geschenkte, natürliche Koordination zu erinnern, ich habe sie schlichtweg vergessen.

F.M. Alexander (1869 -1955), geboren auf Tasmanien, behinderten Stimmprobleme auf seinem Weg in eine vielversprechende Karriere als Schauspieler und Shakespeare-Rezitator. Behandlungen brachten keinen bleibenden Erfolg. So kam er auf die Frage: „Vielleicht tue ich etwas, was dazu führt, dass diese Schwierigkeiten – Heiserkeit bis zur Stimmlosigkeit während der Vorstellung – auftreten.“ Der nächste wesentliche Schritt war, dass er sich auf den Weg machte, eine Antwort zu finden. Da selbst sein Arzt ihm nicht sagen konnte, was er tat, begann er sich zu beobachten und nahm dabei einen Spiegel zu Hilfe. Er konnte entdecken, dass er, wenn er rezitieren wollte, nicht unmittelbar damit begann, sondern dass er nach der Entscheidung zuerst den Kopf in den Nacken zog, den Kehlkopf hinunterdrückte und die Luft hörbar einsog. Er vermutete die Wurzel seiner Beschwerden hier und ging dem weiter nach. Mit der Zeit konnte er feststellen, dass die überflüssige Anspannung nicht nur im Halsbereich erfolgte. Ein Reflex, dort ausgelöst, verursachte eine weiterlaufende Spannungserhöhung über den Rumpf bis in die Schultern, Arme und Hände, Beine und Füße. Das so entstandene Übermaß an Spannung war ihm vertraut. Er konnte sehen, dass er auch bei allen anderen Handlungen gewohnt war, immer zuerst diesen Reflex auszulösen, quasi zwischen der Entscheidung zu einer Aktion und deren Ausführung und auch, dass es sich um eine allgemein etablierte Gewohnheit handelte. Ein direktes „Richtigmachen“ war nicht möglich. Er musste lernen, sein gewohntes Vorgehen zu unterbinden, um das Auslösen dieses Störreflexes zu unterlassen. Sein Versuch, sich gefühlsmäßig zu orientieren, schien anfangs zu funktionieren, die Probleme traten jedoch kurze Zeit später wieder auf.

Dank weiterer Spiegel konnte er ziemlich schnell feststellen, dass er längst nicht tat, was er dachte dass er tut:

Er konnte sehr wohl die Wahrnehmung haben, dass er jetzt frei und unverkrampft stand und sprach, und gleichzeitig im Spiegel sehen, dass er den Kopf immer noch herunterzog, nur eben anders. Das Gefühl „richtig zu sein“ hatte ihn betrogen.

Im weiteren Verlauf seiner Forschungen fand er eine Möglichkeit, die natürlich vorgesehene Koordination wieder anzustreben und ungehindert arbeiten zu lassen und auch einen Weg, dieses zu vermitteln oder, wie er es nannte, zu unterrichten.

Mir gefällt auch, wie Steven R. Covey (1996) Viktor E. Frankl mit dem Satz zitiert: „Die letzte Freiheit des Menschen liegt zwischen Reiz und Reaktion.“ Mir scheint dieser Moment, in dem diese Freiheit liegen soll, so verschwindend klein und leise. Auch wird er, wenn überhaupt, oft erst im Nachhinein mit einem leidvollen „Hätt ich doch …“ wahrgenommen und bleibt so ungenutzt.

Noch ein Stress? Oder aber eine Freude über neue Gelegenheiten, mir aussuchen zu können, was für mich stimmt?

Stress ist für mich ein Reiz, ein Stimulus, dem ich begegne, zum Beispiel dem Klingeln des Telefons oder der Begegnung mit einem misslaunigen Menschen. Die Reaktion auf diese Reize kann so konditioniert und zeitlich unmittelbar erfolgen, dass sie als unabänderlich empfunden wird und mich diktiert: Ich hebe den Hörer ab, ich setze mich der schlechten Laune aus. Nicht so reagieren wollen mündet leicht in ein angestrengtes „Nicht-damit-beschäftigt-sein-wollen“ oder, wie es auch oft beschrieben wird, in ein Abgrenzen, was meist auch nicht als befriedigende Lösung erlebt wird.

Alles kann so oder so getan werden oder sogar nochmal anders.

Wie F.M. Alexanders Geschichte zeigt, heißt das Erkennen ungünstiger gewohnter Reaktions- und Bewegungsmuster noch lange nicht, dass ich sie unterlassen kann. Gleichwohl kann es die nötige Voraussetzung dafür sein, einen konkreten Handlungsbedarf festzustellen.

Ich lebe mit all meinen Daseinsqualitäten, mit allen Sinnen, emotional, geistig, seelisch, bewusst und unbewusst – ob ich will oder nicht. Auch bei der einfachsten Bewegung ist mein gesamter Organismus beteiligt, selbst wenn ich nur den linken kleinen Finger beuge, nur eine einfache Rechenaufgabe löse oder mich einem Gefühl hingebe. Es gibt kein isoliertes Erleben oder Handeln. Die Gesamtheit alles Erlebten und Erfahrenen möchte ich hier als Selbstverständnis oder als meine individuelle Normalität bezeichnen. Das ist der Sollwert, mit dem die in jedem Augenblick von allen Sensoren gegebenen Rückmeldungen (Istwerte) abgeglichen werden. Diese abermillionen Informationen werden verarbeitet, zusammengefasst, eingeschätzt und benannt, alles weitgehend unter- und unbewusst. Ebenfalls automatisch werden auf diesem Boden der erlebten Wirklichkeit diejenigen Befehle gegeben, die notwendig sind, um den Ist- an den Sollwert anzunähern, ein fortwährend dynamischer Prozess, um den wir uns nicht bewusst kümmern müssen oder auch können. Wegen dieser „Automatik“, daher meine Bezeichnung Autopilot, fühlt sich Gewohntes richtig und normal, Ungewohntes jedoch falsch an.

Aus diesem Grund kann ich mich auch nicht auf die Einschätzung meiner sensorischen Wahrnehmung verlassen.
Ein einfaches Beispiel für die unzuverlässige Sinneseinschätzung kann die Bitte an 100 Menschen zeigen, sich gerade hinzustellen. Wir werden 100 verschiedene Möglichkeiten sehen wie Menschen stehen können, gleichzeitig wird jeder dieser 100 für sich meinen, gerade zu stehen.

Nicht auf die gewohnte Weise handeln, bewegen, reagieren verursacht eine ungewohnte, unvertraute Selbstwahrnehmung, ich erlebe mich nicht gemäß meinem Selbstverständnis. Die Gewohnheit, mich richtig fühlen zu müssen, ist stark und löst das deutliche Bedürfnis danach aus, mich wieder als mich zu finden. Diese Diskrepanz zuzulassen oder auszuhalten kann auch mit sich bringen, dass ich mich schwach und unsicher empfinde. Das macht die Situation nicht leichter, sondern treibt mich eher noch mehr dazu an, mich wieder normal fühlen zu wollen, um stark genug zu sein, diese Situation zu meistern. Wenn ich nun ein neues Vorgehen anwenden möchte, muss ich erst dafür sorgen, dass es Platz hat. Selbst das Gewohnte ist ganz konkret veranlasst, deshalb muss es dem Neuen förmlich den Platz überlassen. Dies macht erforderlich, dass anstelle der Befehle, die das Gewohnte veranlassen, andere Befehle gegeben werden, nämlich die, die das Neue zur Folge haben.

Ich muss unterlassen, das Gewohnte zu veranlassen. Es ist meine Entscheidungskompetenz gefragt, ich muss wählen, denn sonst habe ich auch gewählt – nämlich den Autopiloten mit aller Konsequenz.

Stress als Frage, Angebot…

Unterlasse ich es, auf den Schlüsselreiz mit meinem Muster einzusteigen, habe ich den ersten Schritt in die Freiheit getan. Gleichwohl bin ich noch immer auf dem Stand meiner gewohnten und möglicherweise nicht besonders günstigen Gesamtkoordination. Diese wird maßgeblich beeinflusst durch die Qualität des Zusammenspiels von Kopf, Hals und Rumpf. Bei kleinen Kindern, die gerade stark genug zum Stehen sind und zu Laufen beginnen, ist diese Steuerungsinstanz oft noch unverfälscht mitzuerleben. Sie wachsen dadurch förmlich in den Raum hinein, schwimmen im Raum, ihre Bewegungen sind fließend, ihr Geist wach und lebendig.

Meine Freiheit und damit auch Verantwortung gegenüber mir erwächst aus der sich mir erschlossenen Möglichkeit, Einfluss auf die Art und Weise, wie ich organisiert bin, zu nehmen.

Durch das gleichzeitige Nichtfokussieren oder Nichtfesthalten meiner Aufmerksamkeit kann ich leichter meine gewohnte – gleichsam auf der Lauer liegende – Antwort bemerken. Zum Beispiel kann eine Situation so von mir erlebt werden, dass ich empfinde, dass ich mich aufregen oder ärgern „muss“ (hier lockt das „Bekannte“). Ich kann registrieren, dass ich zu mache, der Vorhang geht runter, oder wie ich es sonst beschreiben würde. Ich kann vielleicht sogar merken, dass dieses Erleben auch eine Verquickung mit eigenen Geschichten beinhaltet, kann entscheiden, dass ich das auseinander halten und deshalb nur auf die Frage dieser Situation antworten will. Damit kann ich den Anderen (Menschen, Kollegen, Schüler, Eltern…), auch vielleicht in seiner Not, besser wahrnehmen, ihn annehmen und unterstützen. Dadurch, dass ich bei-mir-bleibe anstatt mich-zu-verlieren, strenge ich mich auch nicht an und kann die Situation deshalb auch nicht als kraftraubend erleben.

Oft genug läuft es jedoch anders. Hier, denke ich, ist der Spielraum, der, anders genutzt, z.B. auch dem zunehmend häufigerem Auftreten des burn-out-Syndroms vorbeugen kann. Prädikate wie: mich verausgaben, mich verlieren, mich unter Zugzwang fühlen, positiven Leistungsbemessungsergebnissen hinterherhecheln werden beschrieben. Der Weg dahin kann aber auch, sicher ungewollt, hausgemacht sein und eröffnet dadurch die erfreuliche Perspektive, dass ich mich davon auch wieder verabschieden kann.

Anstrengen erscheint mir als eine etablierte, eigenständig betriebene Aktivität, ist es meiner Meinung nach aber nicht. Wem ist nicht geläufig, dass er sich mehr anstrengen muss, um ein gewisses Ziel zu erreichen. Und wenn’s nicht klappt, wird noch mehr anstrengen als Vorgehen benutzt, um doch noch zum Ziel zu kommen. Sehr oft akzeptierte Erkenntnis ist es, wenn es nicht geht, habe ich mich nicht genug angestrengt (vgl. das „mehr desselben“, Konstruktivismus, Paul Watzlawik). Anstrengen ist wie die Bremse ziehen und dann gleichzeitig Gas geben, noch mehr anstrengen … ein Teufelskreis.

Das schließt auch mit ein, mich in der gegenwärtigen Situation anzunehmen und mich nicht unter Druck zu setzen. Annehmen heißt nicht: gutheißen müssen. Eigene Lebenserfahrungen haben mich oft spüren lassen, dass ich nur angenommen werde, wenn ich richtig, schön, gut, brav oder was sonst noch alles bin. Was habe ich nicht alles getan um geliebt zu werden, um zu kooperieren mit Eltern und anderen, auf wie viele versteckte und offensichtliche Auslöser bin „angesprungen“. Durch das Annehmen meiner momentanen Grenzen nehme ich den mir vorher gemachten Druck weg, mein Geist – und meine Lernfähigkeit – ist frei, die Bremsen sind auf und ich kann besser denken, schneller laufen, kompetenter mit meinen Gefühlen umgehen.

Wiederholt haben Klienten von mir von Erfahrungen in ihren Diplomprüfungen berichtet. Sie waren ganz überrascht über die Leichtigkeit, mit der sie, ganz im Gegensatz zu früheren Examina, über ihr Wissen verfügen konnten. Sie hatten zuvor über einen längeren Zeitraum mit der Alexander-Technik gearbeitet und sie sich zunehmend erschlossen.

Ich habe versucht es mit dem Bild zu fassen, dass sie das erlernte Wissen auch früher sehr wohl wie in einem Rucksack in die Prüfungen mitgebracht hätten. Ihre Aufregung, ihr ungünstiger Gebrauch des Selbst etc. führte aber vielleicht dazu, sich beim beeilten Aufnesteln des Rucksacks so zu verheddern, dass sie nicht uneingeschränkt über dessen Inhalt verfügen konnten. Mit dem anderen Gebrauch gelang es ihnen souverän, denselben zu öffnen und mit Hilfe des Inhalts die Aufgabe zu ihrer Zufriedenheit zu meistern.

Das Bild legt mir den Gedanken nahe, dass der Rucksack auch mit Kraft gefüllt sein könnte. Wie bekomme ich Zugang zur Kraft – zu meiner Kraft

Wenn ich mit mir im Reinen bin, so scheint es mir, ist der Zugang zur Kraft offen und wird vielleicht auch erlebt, wenn’s stimmig ist, wächst mir sogar Kraft zu. Genauso kann es auch sein, dass Situationen, in denen wir gegen uns arbeiten, als kräftezehrend empfunden werden.

Wir Menschen sind jedoch auch oft genug in Situationen, die nicht „entweder – oder“ sind und in denen die Möglichkeit, uns bewusst zu gebrauchen und es auch zu tun, ein Tor in die Freiheit entstehen lässt.

F.M. Alexanders Prinzipien und deren Anwendung sind ein geeignetes Werkzeug, genau diesen Moment wieder zu erleben und echte Gestaltungsfreiheit zu ermöglichen.