Woher kommt die Alexander-Technik?

Frederick Matthias Alexander1

Bild von F.M.Alexander

Frederick Matthias Alexander, 1869 (Tasmanien) – 1955 (London), Schauspieler und Rezitator, kam durch gesundheitliche Probleme, welche einerseits seine Karriere ernsthaft gefährdeten und andererseits erfolglos von ärztlicher Seite behandelt wurden, zu der Frage, ob er etwas machte, was dazu führte, dass diese Probleme – Heiserkeit und Stimmlosigkeit – auftraten. Neun oder zehn Jahre widmete er sich intensiv der Selbstbeobachtung.

War sein Augenmerk zuerst hauptsächlich auf sein „Tun“ gerichtet und wie dies in Beziehung stand mit seinem Stimmverlust, bezog er im weiteren Verlauf seiner Forschungen mit Hilfe von Spiegeln schließlich den ‚psycho-physical mechanism‘, den Organismus als untrennbares Ganzes, mit ein.

„Man muss sich immer wieder vergegenwärtigen, dass es im Gebrauch aller Teile des Organismus ein Gleichgewicht gibt, und dass aus diesem Grund der Gebrauch eines spezifischen Körperteils während einer Aktivität den Gebrauch der anderen Körperteile beeinflusst und umgekehrt.“2

Auf seiner wissenschaftlichen Reise machte er viele wesentliche Entdeckungen. Die von ihm dabei benannten Prinzipien machen in ihrer Gesamtheit seine Methode aus. Die nach ihm benannte F.M. Alexander-Technik beschäftigt sich mit dem „Gebrauch des Selbst“, wie man geht, steht auftritt, reagiert – mit dem ganzen Umfang des Handelns.

„Es ist bekannt, dass verschiedene Menschen verschiedene Auffassungen vom gleichen geschriebenen oder gesprochenen Wort und von der gleichen Geste haben. Dies bedeutet, dass die Auffassung von der Art der Eindrücke abhängt, die durch die Sinne aufgenommen werden. Auch die Auffassung von dem, was in uns vorgeht, hängt von Eindrücken ab, die uns durch Sinneswahrnehmungen zukommen. In unserem täglichen Handeln verlassen wir uns zum größten Teil auf sie als Richtschnur. Ist unsere Sinneswahrnehmung trügerisch, wie dies bei jedem von uns fast täglich der Fall ist, so sind auch unsere Eindrücke trügerisch. Das Ausmaß dieser Täuschung hängt vorwiegend vom falschen Gebrauch unserer selbst und von der falschen Führung durch trügerisches Gefühl ab. Wenn ein bestimmtes Ausmaß an falschem Gebrauch erreicht ist, erreicht auch die Irreführung durch diese Eindrücke einen Punkt, an dem wir glauben, dass wir mit einem Teil unserer Selbst etwas tun, obwohl uns bewiesen werden kann, dass wir tatsächlich etwas ganz anderes tun. Dies trifft auch auf Dinge zu, die wir zu denken glauben – denn in den meisten Fällen sind dies Dinge, die wir fühlen.“3

Das „Wiedererlernen der natürlichen Koordination“ führt zu einer verlässlicheren Sinneseinschätzung, mehr Wachheit in Bezug auf die Macht der Gewohnheit und einem anderen Umgang mit Zielstrebigkeit. Es lässt neue Spielräume erfahren für das Treffen von Entscheidungen. Physiologische und damit ökonomischere Bewegungsqualitäten sind zusätzliche Folgeerscheinungen.

Die Verbesserung des „sich-selbst-bewusst-Seins“, das vermehrte und effektivere Mitspracherecht im Umgang mit sich selbst, beeinflusst die Qualität des Seins und damit den Umgang mit anderen Menschen, insbesondere mit Kindern, welche meist offener und unverfälschter auf ihr Gegenüber reagieren.

Der amerikanische Philosoph, Pädagoge und Psychologe John Dewey (1859 – 1952), seit 1916 Alexanders Schüler, schrieb zu dreien seiner Bücher das Vorwort. In „DerGebrauch des Selbst“ beschreibt er seine Erfahrungen:

„Ich hatte die außergewöhnliche Gelegenheit, die Technik und ihre Ergebnisse eingehend zu studieren. (…) Ich konnte daher anhand persönlicher Erfahrungen all das bestätigen, was Alexander über die Einheit des Körperlichen und des Geistigen im Psycho-Physischen sagt; über den gewohnheitsmäßig falschen Gebrauch unserer selbst und die Rolle, die dieser falsche Gebrauch bei der Schaffung aller Arten von unnötigen Spannungen und Energievergeudungen spielt; über die Verfälschungen unserer Sinneswahrnehmungen, die das Grundmaterial unserer Selbstbeurteilung bildet; über die vorbehaltlose Notwendigkeit, unsere gewohnten Handlungen zu unterbinden und die gewaltige geistige Anstrengung, etwas „nicht zu tun“, sobald sich eine Gewohnheitshandlung anbietet, zusammen mit der großartigen Veränderung der moralischen und geistigen Haltung, die eintritt, wenn sich die richtige Koordination eingestellt hat. (…) Während dieses Studiums fand ich, dass sich die Dinge, die ich im Sinne eines theoretischen Glaubens in den Bereichen der Philosophie und der Psychologie „gewusst“ hatte, in lebendige Erfahrungen verwandelten, die dem „Wissen“ eine neue Bedeutung verliehen.“4

Alexander sah nicht nur den Faktor der Vorbildfunktion der Erwachsenen, sondern auch das Potential, das sich bietet, wenn die Fertigkeit, die Prinzipien anzuwenden, den Kindern schon in der Schule verfügbar wäre. Er stellte damals jedoch die Rahmenbedingung des Frontalunterrichts als solches nicht in Frage.

Fast 80 Jahre später sehen wir mit der Umsetzung unseres Konzepts die Möglichkeit, der Gefahr einer schleichenden Deviation der natürlichen Koordination der Kinder auf respektvolle Weise zu begegnen und der, mit dieser Einbuße der natürlichen Koordination oft verknüpften Therapiebedürftigkeit vorzubeugen.

In seiner Londoner Zeit richtete F.M. Alexander 1924 in seinen Räumen eine Schule für 3- bis 8-jährige Kinder ein. Er nannte sie „die kleine Schule“. Irene Tasker, welche ihn dabei unterstützte, arbeitete vorher als Lehrerin in London und war von Maria Montessori ausgebildet. Als Irene Tasker für sie eine kleine Schrift ins Englische übersetzte, hat sie ihr wohl von ihren Stunden bei F.M. Alexander und die Gründe dafür geschrieben. Sie erhielt von Maria Montessori die Antwort: „Sono contenta che lei acquisti la conscienza dei suoi atti.“5

Heute unterrichten weltweit einige tausend qualifizierte Lehrer der F.M. Alexander-Technik die Anwendung der Prinzipien. Die meisten sind in nationalen Gesellschaften organisiert, diese wiederum arbeiten z.T. im Rahmen einer Affiliation im Interesse der Qualitätssicherung der Arbeit zusammen.

 


1Schule für lebendiges Lernen – Freie Aktive Schule Konstanz Unser Konzept IX 2000

2F.M. Alexander (E.Maisel Hrsg): Die Grundlagen der F.M. Alexander-Technik, S. 47

3F.M. Alexander (E. Maisel Hrsg.): Die Grundlagen der F.M. Alexander-Technik. Heidelberg 1985, S.128

4John Dewey in: F.M. Alexander (E. Maisel Hrsg.): Die Grundlagen der F.M. Alexander-Technik. Heidelberg 1985, S. 140f

5(Ich bin froh, dass Sie lernen, Ihrer Handlungen bewusst zu werden)

Photograph of F.M.Alexander
© 1997 the Society of Teachers of the Alexander-Technique, London