Welche Bedingungen begünstigen Lernprozesse?

Dies ist ein Artikel über den Intensivkurs, erschienen 2007 in der Rubrik „Ausbildungsstätten stellen sich vor“ im G.L.A.T. Infoblatt von Heinrich Kuhn:

F.M. Alexander-Technik, Heinrich Kuhn – Konstanz

Meine Ausbildung machte ich bei Yehuda Kuperman in Basel. Nach dem Diplom blieb ich noch weitere neun Jahre als Assistent in seiner Klasse.
Meine vorherigen Berufsausbildungen sind Krankenpfleger und Physiotherapeut.

Durch die F.M. Alexander-Technik kam ich wieder neu mit dem Thema Lernen, Lernkultur und Erziehung in Kontakt. Unter anderem war F. Vester (Denken-Lernen-Vergessen) neben A. Miller eine der inspirativen Quellen. So ging ich der Frage nach:

„Wie werden so viele Menschen dazu gemacht, dass sie von der Alexander-Technik profitieren können?“

Von klein an, schon vorgeburtlich, geht das Kind in Resonanz mit seinem Umfeld. Je selbständiger es wird, desto mehr orientiert es sich nach außen, richtet es sich aus an dem, was um es herum ist. Meine Überzeugung ist, dass Kinder nicht einfach nur die Haltung (Körperstellung) ihrer Vorbilder übernehmen, sondern vielmehr deren Ausrichtung und gelebten Umgang mit der Aufmerksamkeit (wie: Gelassenheit, Selbstannahme, Offenheit, aber auch im Ärger stecken bleiben müssen, zurückziehen, sich zurücknehmen).

Dies geschieht unbewusst/unbemerkt bis die Kinder sich ihrer selbst bewusst werden. Erst im ca. 12.-14. Lebensjahr erlaubt die Hirnreife das dafür notwendige Abstrahieren. Erst dann können sie sich entscheiden, dass sie z.B. ernst gucken, damit der Lehrer „weiß“, dass sie ihm zuhören.
Bis dahin hat schon eine lange Entwicklung des Weggewöhnens stattgefunden, weg vom Sicht-Selbst-Spüren, vom Zugang nach innen und damit wahrer Orientierung. Das Schlimmste ist aber nicht, dass wir diese ursprünglich vorgesehene und genetisch verankerte Qualität, quasi unsere Unschuld, verloren haben, sondern dass diese im Laufe der Zeit schlichtweg in Vergessenheit geraten ist. Gerade deshalb ist es so schwierig herauszufinden wonach wir suchen müssen um uns wiederzufinden. (Für mich entspricht dies der Vertreibung aus dem Paradies) Auch hierin begründet sich die Dringlichkeit der Erfahrung, die wir mit unserer Arbeit ermöglichen sollten.

Dank unserer Kinder wurden Themen wie die der kindlichen Bewegungsentwicklung, Entwicklungsbedürfnisse und Lebensprozesse (E. Pikler und R. Wild) und die Frage nach der Umgebung, der die Kinder ausgesetzt sind, für uns aktuell und damit auch: wo und wie bin ich da? Letztendlich führte das zur Gründung unseres Schulprojekts (www.lebendiges-lernen-ev.de). Die im Projekt angestrebte nicht-direktive Begleitung der Kinder hat für mich auch eine grundsätzliche Wichtigkeit. (Nicht-direktiv heißt: kein „mach mal das“, keine Animationspädagogik, kein irgendwohin-loben oder wegtadeln, – sondern vielmehr im Kontakt sein und begleiten, die Umgebung anreichern mit Inhalten, Materialien und Angeboten, die dem jeweiligen Entwicklungsstand entsprechen um weitergehende Lernschritte ermöglichen).

Die Zeit meiner Ausbildung und anschließenden Assistenz, Besuche anderer Ausbildungsklassen, Kennen lernen verschiedener Konzepte und besonders deren Hintergründe (die vielen Warum´s und Wieso´s) sowie die Reflektionen von vielen Ausgebildeten haben mich mit Fragen reich beschenkt und gleichzeitig auf die Suche nach Antworten geschickt.

Was wünsche ich meinen StudentInnen für ihren Weg durch die Ausbildung und dann für die Zeit als LehrerIn:

Authentizität –  Souveränität – Kompetenz

Mein Angebot soll ihnen eine geeignete Unterstützung dahin sein.

Ich biete ihnen dazu eine entspannte und vorbereitete Umgebung an und will sie in ihren Prozessen, die die Alexander-Arbeit in ihnen auslöst, in der ihnen gemäßen Intensität begleiten. Die vorhandene (gestaltete) Umgebung ist eine Selbstlern-Umgebung die selbstgesteuertes Lernen nicht nur ermöglicht sondern einfordert. Es besteht der Raum, sich vom alt-vertrauten, außenorientierten Lernen zu lösen. Der Weg zum eigenen Sehnen und Streben nach Sinn und damit auch zum Sicht-Selbst-Finden, führt oft genug durch eine Phase der Haltlosigkeit (die dadurch entsteht, dass mir keiner sagt was ich tun muss).

Ergänzend wirkt eine umfangreiche und frei zugängliche Bibliothek mit Literatur und Medien zur F.M. Alexander-Technik, Lebensprozessarbeit, Anatomie, Physiologie, Medizin, Psychologie, Hirnforschung, Ernährung, Erziehung, Pädagogik, Kommunikation und vielen weiteren Themen. Ebenso besuchen wir immer wieder gemeinsam wissenschaftliche Vorträge von z.B. Manfred Spitzer, Joachim Bauer, u.a. Dies alles lädt ein, den Blick zu weiten und zu erahnen, wie weit die Alexander Arbeit mit dem Leben vernetzt sein kann – wenn der Mensch es für sich und sein Leben erlaubt. So können leicht offene Gesprächsrunden entstehen, in denen die Möglichkeit, sich angstfrei mitzuteilen und zuzuhören, gegeben ist und damit Verständnis nicht nur im Stillen, sondern auch in der verbalen Auseinandersetzung (im positiven Sinn) gewonnen, gefestigt und immer wieder neu hinterfragt wird.

Grundlegende Prinzipien sind für mich:

Lernen erfolgt von innen heraus
Die StudentInnen sollen sich, um ihrer selbst willen, den Themen, die für sie gerade von Bedeutung sind, zuwenden. Dazu müssen sie sich und damit auch ihre Bedürfnisse spüren können. I.d.R. sind wir alle in der gängigen Kultur des Fremd-Bestimmt-Werdens groß geworden und haben „gelernt“ (oder eher: verinnerlicht und konditioniert) mit den Wünschen anderer zu kooperieren.

Aus dem Starken heraus
Entwicklung braucht Anforderungen in einer Dosierung, die Lernfähigkeit erhält und durch Sich-Sicher-Fühlen Lust auf Weitergehen weckt.
Bei Druck von außen/von innen (ich sollte…) befindet sich der Organismus quasi im Krieg. Grundlegendes Lernen, gesundes Wachsen und Weiterentwickeln werden so erschwert.

Ich bin mein eigener Maßstab
Erkennen kommt von Wiedererkennen – und was ich nicht kenne, kann ich nicht weitergeben, dem anderen auch nicht zeigen.

Ich muss es leben können
Von außen und mit Abstand betrachtet ist es immer leicht, Tipps fürs Leben zu geben…. Ich kann von keinem Menschen fordern, über seinen Schatten zu springen und wenn es von meiner Warte aus noch so sinnvoll erscheint. Der Schüler/Student muss es letztlich leben, muss damit zu Recht kommen. Wir müssen vielmehr lernen, mit uns, wie auch mit anderen, gnädig zu sein.

Vermeidung der Stimulierung des „Richtigmachzwangs“
Ein Erziehungserbe ist dieses ständige Bemühen, alles richtig gemacht haben zu müssen. Das ist meist so perfekt konditioniert, dass wir heftig darunter leiden können, ohne dass uns das auch bewusst wird. Ein immerwährend sprudelnder Quell ins „doing“ zu kommen. Die mindestens drei Jahre dienen dem Erwerb und der Vertiefung von Kenntnissen und Fertigkeiten zur F.M. Alexander-Technik und tangierender Bereiche und der Entwicklung von Fähigkeiten diese sich wie auch anderen zu erschließen. Die Basis, von der aus der Anforderung in der konkreten Situation begegnet werden kann, verändert sich von Abschnitt zu Abschnitt der Ausbildung. Im ersten Jahr werden einige Themen aktuell, deren Verstehen nach meiner Überzeugung die bestmögliche Voraussetzung für ein Weitergehen darstellt.

Annehmen
Ein mir erlauben (im Sinne von entscheiden), mich genau da zu lassen, da anzunehmen, wo ich bin, bedeutet, den Hals frei zu lassen. Ich höre auf, die „Zuvielspannung“ zu veranlassen und sie lässt nach, verschwindet ganz. Dann gilt es, mit diesem Mehr an Freiheit umzugehen. Annehmen heißt nicht gutheißen müssen. Angenommen-zu-werden ist oft in Abhängigkeit mit Richtig-Sein erlebt worden. Sicherlich ist auch dadurch ein grundsätzliches Sich-Selbst-Annehmen negativ belegt. So bleibt in der Erinnerung – bewusst und unbewusst – dass ich immer irgendwie sein musste um angenommen/geliebt/gesehen zu werden. Das Entkoppeln dieser „selbstgemachten“Verbindung ist für ein Weitergehen-können notwendig.

Das Wichtigste an der Arbeit ist die Pause
Direktiven geben zum einen und Pause(*)machen zum anderen beanspruchen absolute Gleichwertigkeit. (*Pause = mich frei lassen von jeglichem Anspruch daran, besonders wohl koordiniert zu sein) Erst durch das Instrument der Pause wird es mir möglich nur das zu üben was ich üben möchte. Wird Pause als weniger wichtig empfunden oder eine Notwendigkeit gar nicht gesehen, wird sie tendenziell vermieden oder unterlassen (Dies wäre beispielsweise der Fall bei einem Sänger der pausenlos singt im Bestreben, seine Stimme zu verbessern. Trotzdem es ihm nicht gelingt singt er weiter, strengt er sich noch mehr an, usw.).
Pausen können wenige Augenblicke bis viele Minuten dauern.

Kontakt mit sich, in sich präsent sein
Bevor es darum geht die Hände anzulegen, muss ich erst einmal selbst klar da sein (ausgerichtet sein), präsent bis in die Haar- und Zehenspitzen. Das ist die Qualität, die ich nicht aufzugeben bereit sein darf bei jeglicher weiterer Aktion.

Ich mit mir und mit dem um-mich-herum
Ich bin nicht alleine existent, sondern auch Teil meiner Umgebung. Deshalb muss ich mich mit der mir möglichen Klarheit auch in Beziehung setzen zu dem was mich umgibt.

Rolle der Augen
Für mich sind die Augen ein wichtiger Sensor für den Umgang mit meiner Aufmerksamkeit.
Mit dem Moment, in dem ich meine Aufmerksamkeit fokussiere, also beginne zielstrebig zu werden, verändert sich auch die Qualität meines Blicks. Dies geschieht gleichzeitig mit dem Auslösen des störenden Reflexes, mit dem ich ein generalisiertes Anspannen meiner Muskulatur auslöse. Diese Veränderung meines Tonus kann ich ab einem gewissen Ausmaß wahrnehmen und erst dann als Fehlspannung interpretieren und weiter daraus die Notwendigkeit ableiten, meine Koordination neu zu organisieren.

Als Orientierungshilfe, um mein unangemessenes Vorgehen zu bemerken, ist mir dies zu langsam. Für mein Verständnis kann ich schon viel früher die „Wahlbenachrichtigung“ erhalten und zwar dann, wenn mir die qualitative Veränderung des Blicks, und das möglichst zeitgleich, bewusst wird. Der Gebrauch der Augen ist üblicherweise jedoch nicht sonderlich präsent und die Steuerung deshalb eher zufällig (wird z.B. deutlich beim Gedankenwandern). Ein Grund mehr, sich diesen Sensor zu erschließen.

Ich mit mir und mit dem Um-mich-herum und Kontaktaufnahme mit der/dem KlientIn
Es gilt gleichzeitig die Präsenz zu halten und weiter auszudehnen auf denjenigen, mit dem ich Kontakt aufnehmen möchte. Es macht einen immensen Unterschied, ob ich nur die Stelle oder den Körperteil an den ich die Hände anzulegen gedenke, im Bewusstsein habe, oder ob ausdrücklich der ganze Mensch für mich präsent ist.

Diese Schritte suche ich als Voraussetzung für das Anlegen der Hände zu verwirklichen. Erst dann scheint mir eine weitgehende Gestaltungsfreiheit (Kontrolle) möglich zu werden.

Wenn ich die Hände brauche um etwas zu erzählen, habe ich nichts zu sagen
Der Kontakt sollte so klar sein, dass die Hände quasi die Rolle von „Lautsprechern für Schwerhörige“ übernehmen. Sie machen die Information, die ohnehin schon empfangen werden kann, leichter „hörbar“ und verständlich.

Gegen Ende des ersten Jahres/Anfang zweiten Jahres reift zunehmend das „hands-on“, untereinander und auch mit Besuchern.
Wichtig ist mir eine Gesprächskultur, in der es möglich ist sich mitzuteilen, es eine Selbstverständlichkeit werden darf, über das, wie ich meine Tätigkeit verstehe, zu sprechen.

Auch soll es kein „Unthema“ geben. Nicht nur alles was mit der F.M. Alexander-Technik zusammenhängt, sondern auch die eigenen Erfahrungen und alles andere was wert und wichtig empfunden wird soll ebenso ernstgenommen werden.

Eine erste Stunde geben

Wenn ich erfahren habe, angenommen zu werden, wenn ich mich selbst annehmen kann (nicht nur pauschal, sondern immer wieder neu), kann dies mir Unterstützung geben und wegleitend dabei sein, die Begegnung mit dem Menschen, der zu mir in seine erste Stunde kommt, zu suchen und den Kontakt zu halten.

So gibt es einige Stichpunkte, die jedem eigentlich klar sind:

  • Kontakt
  • wenn ich weiß was ich will, warum es diese Begegnung gibt
  • abholen des Klienten da wo er ist,
  • Anlass / persönliche Erwartung definieren
  • gemeinsame Sprache finden
  • eine gemeinsame Basis finden …
    z.B.: mit wenigen Sätzen klären worum es geht
    Bewegung – jeder Moment
    Muskel – macht was ihm „gesagt“ wird
    ergo ist jede Bewegung ganz konkret verursacht

Wo will ich hin
Die Qualität der ungestörten Primärkontrolle, „wach und weich“,

Was ist
Hier und da und dort mache ich bestimmt mehr als notwendig…

Wie komme ich dahin wo ich hin will
Wenn die Muskeln eine andere Arbeit machen sollen als die, die sie gerade eben tun, müssen sie etwas anderes gesagt kriegen u.s.w.

Ab Ende des zweiten Jahres/Beginn des dritten Jahres wird auch das „Hinaustreten in die Welt“ zum Thema und somit auch:  Stunden zu geben.

Es kann sein, dass die/der StudentIn Interessierte aus dem eigenen Bekanntenkreis hat, die mit ihr/ihm die F.M. Alexander-Technik kennen lernen wollen. Ich kann ihr/ihm auch vielleicht als Angebot Interessierte vorschlagen. Dies will ich aber nur als echtes Angebot, d.h. die Entscheidungsfreiheit, es anzunehmen oder auch nicht, hat die/der StudentIn. Beides muss für mich gleichwertig möglich sein, also auch ohne unterschwellige Erwartung von mir.

Diese (Erwartung) könnte sonst Reaktionen provozieren die mit dem, um was es mir mit der Arbeit geht, nichts zu tun haben. Mehr zu diesem mir sehr wichtigen Thema (warum wir tun was wir denken dass wir tun sollten…) bei A. Wilson-Schaef: Co-Abhängigkeit.

Diese ersten Stunden können, parallel zur Klasse, im Nebenraum stattfinden. Und wie kann die Begleitung bei diesen Stunden aussehen?
Die/der StudentIn hat die Möglichkeit jederzeit Unterstützung anzufordern und im Anschluss seine Erfahrungen mitzuteilen und zu reflektieren. Selbstverständlich können diese ebenfalls in die Gruppe mit eingebracht werden.

Einiges kommt sicherlich vielen LeserInnen selbstverständlich vor.

Trotzdem finde ich es wichtig, dieses Selbstverständliche zu erwähnen, das so selbstverständlich ist, dass es viel zu oft stillschweigend vorausgesetzt wird und dabei gleichzeitig vorausgesetzt wird, dass wir das Gleiche darunter verstehen.

Der Umstand, dass wir im Grunde nur allseits anerkannte Namen von Worthülsen austauschen – was sich dann Konversation nennt – wird selten gebührend berücksichtigt. Das wiederum begünstigt Missverstehen und Nichtbegegnen, Hinaufretten (-müssen?) auf Sockel inhaltlicher Kompetenz, Macht (-spielchen), Frust, u.v.m.

Lauter Sachen, die ich in meiner „Klasse“ nicht haben will.